Kaninchen, Chinchillas und Degus haben eine Besonderheit, die ihnen zum Verhängnis werden kann: Alle ihre Zähne wachsen lebenslang — nicht nur die Schneidezähne, sondern auch die Backenzähne, um mehrere Millimeter pro Monat. In freier Natur wird dieses Wachstum durch stundenlanges Kauen harter, faserreicher Kost abgerieben. In menschlicher Obhut gerät dieses System schnell aus dem Gleichgewicht.
Wie entstehen die Probleme?
Die Hauptursache ist eine Fütterung mit zu wenig Raufutter: Wer Pellets und Leckereien frisst statt Heu, kaut viel zu kurz. Die Backenzähne werden nicht abgerieben, wachsen weiter, bilden scharfe Spitzen und Haken, die in Zunge und Backenschleimhaut schneiden — und die Zahnwurzeln drücken in den Kiefer, Richtung Augenhöhle und Nasengang. Dazu kommt bei manchen Tieren eine erbliche Veranlagung.
Diese Anzeichen sollten Sie ernst nehmen
- Selektives Fressen: Heu bleibt liegen, weiches Futter wird bevorzugt, Leckerlis werden fallen gelassen.
- Speicheln: feuchtes, verklebtes Fell an Kinn und Brust („Schmutzkinn“).
- Gewichtsverlust — oft das erste messbare Zeichen. Wiegen Sie Ihr Tier wöchentlich!
- Tränende Augen: klingt nach Augenproblem, ist aber häufig eine Zahnwurzel, die auf den Tränenkanal drückt.
- Kleinerer oder unregelmäßiger Kot, weniger Aktivität.
Diagnose und Behandlung
Die Backenzähne sitzen weit hinten in einer engen Mundhöhle — was dort passiert, sieht man von außen nicht. Wir untersuchen die Maulhöhle mit dem Otoskop und röntgen bei Verdacht den Schädel, denn die entscheidenden Veränderungen spielen sich oft an den Wurzeln ab. Zahnkorrekturen erfolgen unter einer kurzen, schonenden Narkose mit rotierenden Instrumenten — niemals mit der Zange, die das Zahngewebe splittern lässt. Mehr zum Thema in unserem Artikel Zahnmedizin für Klein- und Heimtiere.
Vorbeugen ist einfach — und wirksam
Heu rund um die Uhr als Hauptnahrung, dazu frische Äste zum Benagen, Pellets nur als kleine Beilage. Für Degus gilt zusätzlich: kein Obst und nichts Zuckerhaltiges — sie neigen stark zu Diabetes. Und da einmal entstandene Zahnfehlstellungen meist lebenslang kontrolliert werden müssen, gilt: Je früher wir sie entdecken, desto besser lässt sich der Verlauf bremsen. Beim jährlichen Check schauen wir routinemäßig auf die Zähne.
